Ein ganz besonderer modischer Feiertag findet am 21. Januar statt: der Internationale Jogginghosentag, vor gut zehn Jahren von vier jungen Männern aus Österreich ins Leben gerufen. Hinzu kommt, dass die Jogginghose verschiedenen Quellen zufolge in den 1920ern erfunden wurde und damit bald sage und schreibe 100 Jahre alt wird. Dieses Jubiläum gilt es natürlich gebührend zu feiern. Deshalb haben wir Geschichtsbücher gewälzt, Archive durchforstet und mit Zeitzeugen korrespondiert, um die prägenden Ereignisse in der Historie der Jogginghose zusammenzustellen.



Die Anfänge: Vive la Freizeithose

 

Erfunden wurden die Sweatpants in den 1920er-Jahren von Émile Camuset, dem Gründer des französischen Sportartikelherstellers Le Coq Sportif. Damals hatte die Hose aus grauem Jerseystoff noch eine ganze praktische Funktion, nämlich den Komfort der Athleten beim Dehnen, Strecken und Laufen zu erhöhen. Komfort war für die Marke scheinbar ein sehr wichtiges Thema, denn auch ein weiteres wichtiges Stück der Athleisure-Wear geht auf das Konto der Franzosen. Während auf der Weltausstellung 1939 in New York beispielsweise der Nylonstoff oder die Zukunftsvision einer Stadt namens "Futurama" vorgestellt wurden, erfindet Le Coq Sportif den Trainingsanzug.



Des Kaisers neue Kleider

 

Ein Meilenstein für die Marke mit den drei Streifen: 1967 präsentiert adidas den "Franz Beckenbauer"-Trainingsanzug. Der lässige Zweiteiler ist das allererste Bekleidungsprodukt der Sportswear-Brand aus dem bayrischen Herzogenaurach - und mittlerweile ein absoluter Klassiker im Portfolio der Brand. Damals war der "Kaiser" Franz Beckenbauer ein aufstrebender Star im deutschen Fußball. Bei der WM in England ein Jahr zuvor konnte er seinen Ruf als absolutes Ausnahmetalent festigen, während er mit dem FC Bayern als zweite deutsche Mannschaft überhaupt den Europapokal der Pokalsieger gewann und den DFB-Pokal verteidigte.

 

Beckenbauer war damals zwar noch nicht als Lichtgestalt des deutschen Fußballs bekannt, seine Popularität verhalf dem Trainingsanzug aber zu einem bleibenden Status. Auch heute noch ist die unverwechselbare Hose mit den drei Längsstreifen ein echter Dauerbrenner im Hause adidas, die in unterschiedlichen Varianten immer wieder neu aufgelegt wird.


Rocky: Stallone in Sweatpants

 

In "Rocky" sorgte Actionfilm-Legende Sylvester Stallone für eine der legendärsten Szenen der Filmgeschichte: Zu den Klängen von "Gonna Fly Now" rennt der Schauspieler als Rocky Balboa die Stufen des Philadelphia Museum of Art hoch, um oben angekommen die Arme in die Luft zu reißen.

 

Während der wohl berühmteste Trainings-Montage der Filmgeschichte trägt Sly Stallone ein Paar graue Sweatpants. Während das Original aus den Siebzigern wohl nicht bis heute überlebt hat, kommt eine ähnliche Szene in "Rocky Balboa" von 2006 vor. Hier trug Stallone ein Modell der amerikanischen Marke Russell Athletic, das später über ein Online-Auktionshaus versteigert wurde.


Jumpman: Alles Show - außer die Jogginghose?

 

Mitte der Achtzigerjahre posierte der damals frisch vom College kommende Michael Jordan für ein Foto des amerikanischen LIFE-Magazins. Seinen charakteristischen Dunk imitierte er durch eine Abwandlung des Grand jeté - einer Sprungfigur, die eigentlich aus dem Ballett stammt. Diese Pose sollte später als Grundlage für das Jumpman-Logo dienen, Jordans eigener Untermarke bei Nike. Blöd nur, dass der junge Spieler während des LIFE-Shootings noch nicht bei der Marke mit dem Swoosh unter Vertrag stand und deshalb ein Paar New Balance-Sneakers trug.

 

So wurde das Motiv noch einmal nachgestellt und gehört heute als Silhouette zu einem der bekanntesten Logos der Welt. Die Ballettpose mit den gerade und weit abgewinkelten Beinen kommt Jordans tatsächlichem Dunk-Style - beide Beine leicht nach hinten angewinkelt ? übrigens auch nicht besonders nahe. Was sowohl das ursprüngliche Bild als auch die spätere Jumpman-Vorlage gemeinsam haben: In beiden Motiven trägt Michael Jordan eine Jogginghose. Und zumindest die ist wohl zu hundert Prozent echt und originalgetreu.


Fidel Castro: Staatsempfänge im Schlabberlook

 

Nach seiner Zeit als militanter Führer der kubanischen Revolution war Fidel Castro fast 50 Jahre lang Regierungschef Kubas. Als einflussreicher Revolutionär einerseits und als despotischer Diktator andererseits ist Castro auch nach seinem Tod im Jahr 2016 umstritten. Sein Modegeschmack ist allerdings legendär: Jahrzehntelang trat er öffentlich stets olivgrüner Uniform auf, bevor er auf seine alten Tage bequemere Mode bevorzugte.

 

Nach seinem Rückzug aus der Tagespolitik empfing Castro Staatsbesucher wie den französischen Präsidenten François Hollande oder sogar Papst Franziskus im geschmackvollen Trainingsanzug - selbstverständlich samt Jogginghose. Obwohl Castro über die Jahre hinweg Anzüge verschiedener Marken wie FILA, PUMA oder Nike trug, galt seine Loyalität scheinbar insbesondere adidas.

 

Dies führte dazu, dass einige Beobachter sogar eine Sponsoring-Partnerschaft zwischen dem kubanischen Revolutionär und der deutschen Marke vermuteten. Laut adidas selbst hat Castros beeindruckende Sammlung an Trainingsanzügen mit den drei Streifen allerdings einen anderen Hintergrund: Bis 2012 war adidas nämlich jahrelang offizieller Ausrüster des Olympia-Teams von Kuba - weshalb der Comandante wohl auch ein paar Jogginghosen aus dieser Kollektion im gut sortierten Kleiderschrank hängen hatte.


 

Lagerfeld'sche Lebensweisheiten

 

Als Modezar Karl Lagerfeld 2012 in der Sendung von Markus Lanz zu Gast war, lies er den berühmten Satz fallen, den einem fortan alle Jogginghosen-Muffel um die Ohren hauen wollten: "Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Zwar dürften ihn außer seiner geliebten Katze Choupette nur sehr wenige jemals selbst in Jogginghosen gesehen haben. Aber wie genau es Lagerfeld mit solchen Weisheiten nahm, stellte er schon Jahre vorher fest. "Es tut mir leid: Was ich sage, ist nur gültig, wenn ich es gerade sage," diktierte er 2004 im Interview mit dem Stern.

 

Dieser Inkonsequenz ist es wohl geschuldet, dass sich auch im Angebot von Lagerfelds eigener Marke Jogginghosen finden - mit dem Comic-Konterfeit des Designers als Logo. Und sogar für das alteingesessene High Fashion-Label Chanel schickte er als Kreativdirektor ein paar Saisons später Models in Jogginghosen über den Runway.


 

Tradition trifft Trainingshose

 

Mittlerweile ist die Jogginghose längst in allen Spielarten der Mode angekommen. Sie gilt zwar nach wie vor als Inbegriff der unkonventionellen, rebellischen Attittüde und schon fast als "Anti-Mode". Aber gerade das macht sie für progressive Designer interessant, die über gängige Konventionen hinaus die Trends der Zukunft bestimmen wollen.

 

Deshalb findet sich die Jogginghosen auf Sportplätzen und im heimischen Wohnzimmer mittlerweile genauso wie in den Straßen der internationalen Modemetropolen - oder in den Laufsteg-Kollektionen renommierter Edelhäuser von Balenciaga bis Valentino. Damit steht fest: Der Siegeszug der Jogginghose ist noch lange nicht vorbei. Auf die nächsten 100 Jahre!